Psychotherapieverfahren der DDR


Autogenes Training und Hypnose

Gesprächspsychotherapie 

Individualtherapie

Intendierte-dynamische Gruppenpsychotherapie (IDG)

Katathymes Bilderleben (KB)

Kommunikative Psychotherapie

Pawlow'sche Schlaftherapie

Psychodyamische Einzeltherapie


Autogenes Training und Hypnose

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Hypnose und Autogenes Training stellen zwei in der DDR weit verbreitete Behandlungsmethoden dar, die an vielen Kliniken und im ambulanten Setting zum Einsatz kommen. Die Internisten Hellmuth Kleinsorge (1920 – 2001) und Gerhard Klumbies (1919 – 2015) haben wichtige Grundlagentexte zu den Methoden publiziert und dazugehörige Forschung vorangetrieben. Sie sind die wichtigsten Repräsentanten dieser Verfahren innerhalb der DDR (Krause, 2011).

Zeitliche Einordnung

Das therapeutische Verfahren der Hypnose hat in Deutschland eine lange Geschichte. Sie beginnt im 18. Jahrhundert und kann in verschiedene Epochen eingeteilt werden (Peter, 2015). Die Geschichte der Hypnose in der DDR nimmt noch vor Staatsgründung, in der Sowjetischen Besatzungszone, ihren Anfang. Der Internist Hellmuth Kleinsorge beginnt kurz nach dem zweiten Weltkrieg an der Universität Jena die Hypnose zur Behandlung verschiedener, vorrangig internistischer, Störungen einzusetzen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Gerhard Klumbies, wird Kleinsorge die Methode in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in der DDR beforschen und etablieren.

Analog dazu greifen Kleinsorge und Klumbies das in den 1930er Jahren vom Nervenarzt J.H. entwickelte, der Hynpnose entstammende Autogene Training auf (Krause, 2011). Kleinsorge und Klumbies bewerten Hypnose und autogenes Training als wichtigste psychotherapeutische Behandlungsmethoden. Zwar beurteilen sie die Hypnose als effektiver, schätzen jedoch ebenfalls das Autogene Training aufgrund der breiten Anwendbarkeit (Kleinsorge & Klumbies, 1959). Vermutlich vor allem aufgrund dieses überaus breiten Indikationsbereichs verbreitet sich das Autogene Training schnell in der gesamten DDR. Zur Verbreitung beider Methoden tragen vermutlich auch die ab 1953 von Kleinsorge und Klumbies angebotenen Fortbildungskurse in Psychotherapie bei, in denen Hypnose wie Autogenes Training eine wesentliche Rolle spielen (Geyer, 2011a). In den folgenden Jahren werden von verschiedenen AutorInnen wissenschaftliche Beiträge und Forschungsberichte zu Hypnose und Autogenem Training publiziert. Unterschiedliche ÄrztInnen und PsychologInnen setzen Hypnose und vor allem das Autogene Training an ihren Kliniken um, sodass die Methoden bald an vielen Standpunkten innerhalb der DDR präsent sind: Unter anderem die beiden PsychiaterInnen Dietfried Müller-Hegemann und Christa Kohler in Leipzig, der Psychiater Richard Heidrich in Erfurt oder der Internist Kurt Höck in Berlin wenden die Methoden an (Krause, 2011; Kohler, 1968; Kruska, 1979). Auch der zweite Jahreskongress der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie (GÄP) 1962 ist den Themen Suggestion und Hypnose gewidmet. Kleinsorge wird bei diesem Anlass zum Vorsitzenden der Gesellschaft gewählt. Wenige Jahre später, 1968, verlässt er die DDR. Den Vorsitz der 1969 gegründeten Sektion Hypnose und Autogenes Training innerhalb der GÄP übernimmt Klumbies (Geyer, 2011b; Krause, 2011). Hypnose und in besonderem Maße das Autogene Training spielen bis zum Ende der DDR sowohl als eigenständige Behandlungsmethoden sowie in Kombination mit anderen Therapieverfahren wie der intendierten dynamischen Gruppenpsychotherapie eine wesentliche Rolle (Höck, 1981; Höck, 1975).

Kurzbeschreibung der Verfahren

Bei Hypnose und Autogenem Training handelt es sich um suggestive Behandlungsmethoden. Während bei der Hypnose mit Fremdsuggestionen gearbeitet wird, versetzen sich PatientInnen beim Autogenen Training selbst in einen nahezu hypnotischen Zustand. Die Hypnose wird mittels Schlafsuggestionen durch ÄrztInnen oder PsychotherapeutInnen angestoßen. Es folgen danach die therapeutischen Suggestionen, die der Symptomreduktion dienen und sich folglich nach den individuellen Beschwerden der PatientInnen richten. Die Hypnose wird mittels Desuggestionen vom Behandelnden beendet und kann je nach Bedarf beliebig wiederholt werden. 

Das Autogene Training hingegen ist eine Selbsthypnose. Die PatientInnen erlernen in einer mehrmonatigen Übungsphase sich selbst in eine Art hypnotischen Zustand zu versetzen. Sie sollen dazu befähigt werden, aufkommende Symptome durch den hypnotischen Zustand zu unterbinden und störende Symptome durch heilende Entspannung ersetzen.

Kleinsorge und Klumbies betrachten Hypnose und Autogenes Training als physio-psychologische Phänomene. Sie fordern eine holistische Betrachtung des Menschen, statt einer einseitigen Überbetonung seiner körperlichen oder seelischen Anteile.

Um die Entstehung von Erkrankungen und die Wirkmechanismen von Hypnose und Autogenem Training zu erklären, ziehen sie die Pawlows Lehren zu Reflexen und Signalsystemen heran (Kleinsorge & Klumbies, 1959).

Literaturverzeichnis

Geyer, M. (2011a). Ostdeutsche-Psychotherapiechronik 1950 – 1959. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.90-95)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Geyer, M. (2011b). Ostdeutsche-Psychotherapiechronik 1960 – 1969. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.145-151)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Höck, K. (1975). Zur Methodenintegration in der stationären Psychotherapie. Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie, 27, 385–391. 

Höck, K. (1981). Konzeption der intendierten, dynamischen Gruppenpsychotherapie. Psychotherapie und Grenzgebiete, Bd. 1, 13-34. 

Kleinsorge, H. & Klumbies, G. (1959). Psychotherapie in Klinik und Praxis. München. Berlin: Urban & Schwarzenberg. 

Kohler, Ch. (1968a). Kommunikative Psychotherapie. Jena: Fischer.

Kruska, W. (1979). Geschichte der psychotherapeutischen Abteilung des Hauses der Gesundheit, Berlin. Berichte Psychotherapie und Neurosenforschung des Hauses der Gesundheit Berlin, 1, 1-14 

Krause, W.-R. (2011). Hypnose und Autogenes Training 1945 – 1979. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.332-338)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Peter, B. (2015). Geschichte der Hypnose in Deutschland. Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin(S.817-851). Berlin. Heidelberg: Springer.

Gesprächspsychotherapie

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Die Einführung und Entwicklung der Gesprächspsychotherapie in der DDR geht auf den Psychologen Johannes Helm (*1927) zurück. Helm gründet an der Humboldt-Universität Berlin eine Forschungs- und Arbeitsgruppe zur Gesprächspsychotherapie, die nach seinem Ausscheiden durch seine ehemalige Studentin und spätere Mitarbeiterin Inge Frohburg (*1937) weitergeführt wird (Frohburg, 2011a).

Zeitliche Einordnung

Die Ursprünge der Gesprächspsychotherapie liegen in den USA, wo der Psychotherapeut Carl Rogers in den 1940er- und 50er Jahren an einer „nicht-direktiven“ später als „klientenzentriert“ bezeichneten Psychotherapie arbeitet. In den 1960er Jahren führt der Psychologe Reinhard Tausch gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Psychologin Annemarie Tausch, das Verfahren in der BRD an der Universität Hamburg unter dem Namen Gesprächspsychotherapie ein. In der DDR gründet Johannes Helm an der Humboldt Universität zu Berlin 1968 eine Arbeits- und Forschungsgruppe zur Gesprächspsychotherapie. In der Arbeitsgruppe werden theoretische Grundlagen und gesprächstherapeutische Basiskompetenzen erarbeitet. Bereits 1969 werden in der Ambulanz der Sektion Klinische Psychologie an der HU PatientInnen gesprächspsychotherapeutisch behandelt. Gleichzeitig werden gesprächstherapeutische Grundlagen in die universitäre und postgraduale Lehre eingebunden. 1971 wird ein Grundkonzept zur Ausbildung in Gesprächstherapie verschriftlicht. Eine gesprächstherapeutische Ausbildung wird im Studiengang Klinische Psychologie und in der postgradualen psychotherapeutischen Weiterbildung obligatorisch, von unterschiedlichen Institutionen werden außerdem gesprächstherapeutische Aus- und Weiterbildungskurse angeboten. In den 70er Jahren entstehen zudem verschiedene Forschungsarbeiten zur Gesprächspsychotherapie, unter anderem die Habilitationsschrift von Helm im Jahr 1978. 1974 wird eine Arbeitsgruppe zur Gesprächspsychotherapie in der Gesellschaft für Psychologie der DDR etabliert. Ab 1981 gibt es eine entsprechende Sektion auch in der Gesellschaft für Äztliche Psychotherapie der DDR (GÄP). Nach der Wende treten viele ostdeutsche GesprächspsychotherapeutInnen der in Westdeutschland gegründeten Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) bei (Frohburg, 2011a; 2011b; 2011c).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Das im Deutschen als Gesprächspsychotherapie bezeichnete Verfahren hat seinen Ursprung in der von Carl Rogers entwickelten nicht-direkten bzw. klientzentrierten Psychotherapie. Rogers entwickelt die nicht-direkte Psychotherapie in Abgrenzung zu psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Verfahren. Er geht dabei von einem existenzphilosophischen statt einem triebtheoretischen Menschenbild aus und beschreibt den Menschen als intrinsisch entwicklungsmotiviertes Wesen mit Bewusstsein über das eigene Selbst. Dem Konzept liegt ein humanistischer Ansatz zugrunde. Rogers konzeptioniert die non-direktive Psychotherapie von einem phänomenologisch-existenziellen Standpunkt aus und nimmt Bezug auf verschiedener (Existenz-)Philosophen wie Søren Kierkegaard oder Martin Buber. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht der Mensch und die therapeutische Beziehung und nicht die Behandlung spezifischer Symptome (Eckert, 2007)

Die Gesprächspsychotherapie der DDR basiert grundsätzlich auf Rogers Konzept und dessen Weiterentwicklungen insbesondere durch Psychotherapeuten Truax und Carkhuff sowie dem Psychologen-Ehepaar Tausch. Dennoch sind einige Abwandlungen wie die Forderung nach einer stärkeren Orientierung auf gesellschaftlich-ökonomische Bedingungen und den sozialen Überbau zu finden. Außerdem werden psychoanalytisch entlehnte Konstrukte wie unbewusste Erfahrungen oder Abwehrmechanismen, die bei Rogers zu finden sind, vor dem Hintergrund einer schlechten Nachweisbarkeit kritisiert (Helm, 1978).

Literaturverzeichnis

Eckert, J. (2007). Gesprächspsychotherapie. In: Ch. Reimer, J. Eckert, M. Hautzinger & E. Wilke. Psychotherapie (Aufl. 3, S. 233 – 287). Springer. 10.1007/978-3-540-29988-2_11

Frohburg, I. (2011a). Gesprächspsychotherapie I: Die universitären Gründerjahre. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.312-316)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Frohburg, I. (2011b). Gesprächspsychotherapie II: Bewährung in der klinischen Praxis. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.312-316)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Frohburg, I. (2011c). Gesprächspsychotherapie III: Zurück in die Zukunft. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.312-316)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Helm, J. (1978). Gesprächspsychotherapie. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften.

Individualtherapie

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Die Individualtherapie geht auf den Psychiater Karl Leonhard (1904 – 1988) zurück. Mit der Entwicklung des Verfahrens beginnt Leonhard in der Erfurter Nervenklinik. Nach seiner Berufung an die Berliner Charité setzt er die Entwicklung sowie die Umsetzung in die Praxis gemeinsam mit einem Team bestehend aus ÄrztInnen und PsychologInnen dort fort (Sitte, 2011; Neumärker, 2011; Geyer, 2011).

Zeitliche Einordnung

Karl Leonhard wird Mitte der 50er Jahre Direktor der Erfurter Nervenklinik und beginnt während dieser Zeit an der Individualtherapie zu arbeiten. 1957 wird er zum Direktor der Nervenklinik der Berliner Charité berufen. Dort trifft der besonders auf Psychosen spezialisierte Psychiater auf viele neurotisch erkrankte PatientInnen. Um deren Krankheitsbildern gerecht zu werden, wird die Entwicklung seines individualtherapeutischen Behandlungskonzepts vorangetrieben. Zu diesem Zweck wird 1959/60 eine psychotherapeutische Abteilung eingerichtet, in der PsychologInnen und ÄrztInnen verschiedene Behandlungsmethoden erproben und therapeutisch anwenden, die nachhaltig zu einer Symptomfreiheit- bzw. Reduktion führen sollen. In den folgenden Jahren werden tausende PatientInnen aus dem Berliner Raum und darüber hinaus (erfolgreich) behandelt. 

Im Zuge des internationalen Aufstrebens verhaltenstherapeutischer Methoden, setzt sich Leonhard in den 60er Jahren mit der Frage auseinander, inwiefern seine Individualtherapie eine Verhaltenstherapie ist (Neumärker, 2011; Sitte, 2011). Für die Entwicklung der Verhaltenstherapie innerhalb der DDR stellt sein Konzept einen Ausgangspunkt dar. Nach Leonhards Emeritierung im Jahr 1970 entwickelt insbesondere sein früherer Mitarbeiter Hans-Georg Schmiescheck die Individualtherapie weiter, welcher sich ab 1974 innerhalb der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie der DDR auch für die Verhaltenstherapie engagiert (Stoiber, 2011; Sitte, 2011). Über seine Emeritierung hinaus beschäftigt sich Leonhard mit psychiatrischen und psychotherapeutischen Fragestellungen. Er beobachtet die zunehmende Verbreitung gruppentherapeutischer und den Rückgang einzeltherapeutischer Behandlungsmethoden kritisch und zweifelt die Wirksamkeit von Gruppenpsychotherapien bei neurotischen Störungen, entgegen der in der DDR und international vorbereiteten Meinung an (Neumärker, 2011; Leonhard, 1979).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Bei der Individualtherapie handelt es sich um ein Therapieverfahren, was verschiedene, das heißt individuelle, Behandlungsmethoden für unterschiedliche Neurosenformen vorsieht, wobei der Schwerpunkt auf Expositionsmethoden liegt. Im Konzept wird zwischen hysterischen, anankastischen und hypochondrischen Neurosen als Hauptneuroseformen unterschieden, denen wiederum verschiedene Sonderformen angehören, die jeweils einer individuell angepassten Behandlung bedürfen. Leonhard geht davon aus, dass die Neuroseformen unterschiedlicher PatientInnen von deren Persönlichkeitsstrukturen abhängen und stellt deshalb die Individualität der PatientInnen selbst und die Individualität ihrer Neurosen in den Mittelpunkt seiner Therapie. Er bekräftigt außerdem eine aktive Rolle der PatientInnen, durch die sie ihre Heilung unter therapeutischer Anleitung selbst forcieren, anstatt lediglich passiv Hilfe zu rezipieren. Leonhard betont, dass er keine neue psychotherapeutische Methode einführt, sondern bereits bestehende Therapiemethoden den Neurosenformen zuordnet, für deren Heilung sie geeignet sind (Leonhard et al., 1963).

Literaturverzeichnis

Geyer, M. (2011). Überblick. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.89-90)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Leonhard, K. et al. (1963). Individualtherapie der Neurosen. Gustav Fischer.

Leonhard, K. (1979). Therapeutisches Versäumnis durch Unterlassung der Einzelbehandlung bei sekundären Fehlentwicklungen. Psychiatrie, Neurologie, medizinische Psychologie, 31, 723-729

Neumärker, K.J. (2011). Die Individualtherapie der Neurosen von Karl Leonhard an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité Berlin. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.99-105)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Sitte, E. (2011). Erfahrungen mit der Individualtherapie nach Leonhard. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.105-109)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Stoiber, I. (2011). Verhaltenstherapie 1970 – 1979. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.307-310)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Intendierte-dynamische Gruppenpsychotherapie (IDG)

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Die Entwicklung der intendierten-dynamischen Gruppenpsychotherapie geht auf den Arzt und Psychotherapeuten Kurt Höck zurück (1920 – 2008). Dieser entwickelt das Konzept der IDG am Haus der Gesundheit in Berlin und trägt maßgeblich zur Verbreitung dieser in der DDR bei. Durch Kurt Höck und seine MitarbeiterInnen am Haus der Gesundheit finden fortlaufend empirische Untersuchung zur IDG statt (Kruska, 2011).

Zeitliche Einordnung

Die Anfänge der IDG liegen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. In dieser Zeit bemerkt Kurt Höck bei Sitzungen des Autogenen Trainings, dass Diskussionen entfachen und sich zwischen den TeilnehmerInnen eine Gruppensituation herausbildet. In dieser Beobachtung liegt der Ursprung der Idee, eine gezielte Gruppentherapie zu entwickeln (Höck, 1985). In den darauffolgenden Jahren wird mit verschiedenen gruppentherapeutischen Methoden experimentiert. 1969 wird innerhalb der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie der DDR (GÄP) eine Sektion für dynamische Gruppenpsychotherapie gegründet, deren Vorsitzender Höck wird. In einem „pragmatisch-experimentierenden“ (Höck, 1981a) Prozess wird die Methode der IDG immer weiter konkretisiert, sodass bei der Tagung der Sektion Gruppenpsychotherapie im Jahr 1974 erstmals das Grundkonzept der IDG vorgestellt werden kann. Dieses wird mit Höcks Habilitation im Jahr 1977 weiter expliziert und verschriftlicht (Höck, 1980). Außerdem werden ab den 70er Jahren Weiterbildungskurse in Form von Selbsterfahrungskommunitäten für PsychotherapeutInnen angeboten, die zur Verbreitung der IDG an immer mehr Kliniken der DDR beitragen (Geyer, 2011). In den folgenden Jahren wird versucht, die Konzeption unter verschiedenen Rahmenbedingungen zu erproben. So wird mit verschiedenen Behandlungsformaten experimentiert und versucht, das Modell der IDG auf Krankheitsbilder wie Psychosen, Essstörungen oder Suchterkrankungen zu übertragen. Höcks aktive Wirkungszeit endet 1986. Durch die nachfolgende PsychotherapeutInnen-Generation wird das Konzept der IDG modifiziert. In abgewandelter Form wird die IDG von einigen PsychotherapeutInnen noch heute angewendet (Ott & Geyer, 2011; Seidler, 1997).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Bei der IDG handelt es sich um ein gruppentherapeutisches Behandlungsverfahren mit psychodynamischer Orientierung. Die therapeutische Situation ist durch eine „Minimalstrukturierung“ (Höck, 1981a) gekennzeichnet, das heißt von den TherapeutInnen werden keine Hinweise und Anleitungen gegeben oder Themenvorschläge gemacht, wodurch sich zwischen den Gruppenmitgliedern die Gruppendynamik entfalten soll. Vereinfacht gesagt, bringen die TherapeutInnen die PatientInnen durch eine passive Rollenübernahme dazu, Führung und Verantwortung zu übernehmen. Diese Erfahrung, eingebettet in das Gruppenerleben, führt Höcks Ansicht nach zum Abbau von Fehlentwicklungen und ermöglicht die Entstehung von neuen Einstellungen und Verhaltensweisen, wodurch das Ziel der IDG, eine Umstrukturierung der Persönlichkeit, erreicht wird. Höck geht davon aus, dass sich diese Entwicklung in einem Phasenprozess vollzieht. Während zu Beginn der Behandlung eine starke Abhängigkeit von den TherapeutInnen vorliegt, emanzipiert sich dich Gruppe im Verlaufe der Therapie von diesen, wobei es ihnen gegenüber zu Feindseligkeiten kommen kann. Idealerweise übernehmen die PatientInnen selbst eine therapierende Rolle und bearbeiten abwechselnd die Probleme einzelner Gruppenmitglieder. Die TherapeutInnen nehmen eine vermittelnde Rolle ein und stehen der Gruppe mit ihrer psychosozialen Kompetenz zur Seite. (Höck, 1981a; Höck 1981b)

Höck unterfüttert die Konzeption der IDG durch verschiedene theoretische Standpunkte. Er bezieht sich auf die marxistische Persönlichkeitstheorie, bindet aber auch Erkenntnisse vom britischen Psychoanalytiker und Gruppenpsychotherapeuten Wilfred Bion ein. Er stützt sich außerdem auf Erkenntnisse der (marxistischen) Sozialpsychologie und der pädagogischen Psychologie (Höck, 1981a).

Literaturverzeichnis

Geyer, M. (2011). Ostdeutsche-Psychotherapiechronik 1960 – 1969. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.245-256)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Höck, K. (1980). Dynamische Gruppenpsychotherapie in der DDR. Entwicklung und Perspektive. Berichte Psychotherapie und Neurosenforschung des Hauses der Gesundheit Berlin, 3, 5-14

Höck, K. (1981a). Konzeption der intendierten, dynamischen Gruppenpsychotherapie. Psychotherapie und Grenzgebiete, Bd. 1, 13-34. 

Höck, K. (1981b). Zum Modell der intendierten dynamischen Gruppenpsychotherapie. Berichte Psychotherapie und Neurosenforschung des Hauses der Gesundheit Berlin, 6, 5–18.

Höck, K. (1985). Berliner Psychotherapie – Entwicklung und Perspektive. Psychotherapie – Berichte HdG Berlin, 31, 78–94. 

Kruska, W. (2011). An der Wiege der Intendierten Dynamischen Gruppenpsychotherapie (IDG). In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 169–172). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Ott, J. & Geyer, M. (2011). Die Weiterentwicklung der Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 490-491). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

Seidler, Ch. (1997). Die Geschichte der Intendierten Dynamischen Gruppenpsychotherapie. Gruppentherapie. Gruppendynamik, 33, 343–361.

Katathymes Bilderleben (KB)

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Die Etablierung und Verbreitung des Katathymen Bilderlebens (KB) in der DDR geht auf eine Arbeitsgruppe an der Klinik für Neurologie und Psychiatrie der Universität Halle/Saale um den Psychologen Heinz Hennig (*1935) und die Ärztin Erdmuthe Fikentscher (*1941) zurück (Hennig & Fikentscher, 2011a).

Zeitliche Einordnung

Das Katathyme Bilderleben wird in den 50er Jahren durch den Göttinger Psychiater Hanscarl Leuner entwickelt. Durch die theoretische Auseinandersetzung mit den Schriften Leuners beginnt an der Klinik für Neurologie und Psychiatrie der Universität Halle/Saale in den 60er Jahre die erste Arbeitsgruppe zum Katathymen Bilderleben innerhalb der DDR zu entstehen. Die theoretische Auseinandersetzung wird in den folgenden Jahren durch Selbsterfahrungen und Anwendung im therapeutischen Alltag in die Praxis überführt. Während die Arbeitsgruppe in den 70er Jahren immer mehr Zulauf durch neue Mitglieder bekommt, finden auch erste Vorträge zur Methode auf Kongressen in der DDR statt. Außerdem werden erste Behandlungsberichte und Artikel publiziert, sodass die Methode in der DDR überregional an Bekanntheit gewinnt (Hennig & Fikentscher, 2011a). Dabei wird die Methode zunächst als Imaginationstherapie umschrieben, bis 1982 die erste Publikation in der DDR erscheint, die den Namen Katathymes Bilderleben im Titel trägt (Hennig, 2007). In den 80er Jahren wird insgesamt an der Präzisierung des Konzepts und am Ausbau von Aus- und Weiterbildungsangeboten gearbeitet. Außerdem wird eine Integration der Arbeitsgruppe Katathymes Bilderleben in die Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie der DDR (GÄP) angestrebt. Zunächst wird 1985 eine Arbeitsgemeinschaft für Katathymes Bilderleben innerhalb der Sektion Hypnose und Autogenes Training begründet. Ende 1988 erlangt diese unabhängigen Status. Nach der Wende erfolgt die Gründung eines Vereins, in dem die Arbeitsgruppe ihre Tätigkeit fortsetzt (Hennig & Fikentscher, 2011b).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Beim Katathymen Bilderleben handelt es sich um ein psychotherapeutisches Imaginationsverfahren mit tiefenpsychologischer Ausrichtung. Bei der Erschaffung seiner Konzeption orientiert sich Hanscarl Leuner an Carl Gustav Jung, der in seinem psychoanalytischen Konzept den Tagtraum therapeutisch nutzt. Darüber hinaus beruft sich Leuner auf verschiedene Arbeiten zu Imaginationen zum Beispiel vom Psychoanalytiker Herbert Silberer („Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt“), vom Arzt Carl Happich („Bildbewusstsein“) oder vom Psychiater Ernst Kretschmer („Bilderstreifendenken“). Er nimmt außerdem Bezug zum Autogenen Training nach Johannes Heinrich Schultz (Wilke, 2017). Das Katathyme Bilderleben basiert auf der Idee, dass zurückliegende, unverarbeitete und überfordernde Erlebnisse, Gefühle und Konflikte in Form von Tagträumen zurück ins Bewusstsein der PatientInnen gebracht werden können. PatientInnen werden deshalb zu Imaginationen angeregt, die schließlich therapeutisch bearbeitet werden sollen. Dazu kommen PatientInnen und TherapeutInnen ins Gespräch über die Tagträume und deuten diese gemeinsam. So sollen sich Einstellungen verändern und unbewusste Konflikte lösen (Leuner, 1985; Hennig, 1982).

Das Katathyme Bilderleben wird in der DDR in starker Anlehnung an Leuners Konzept umgesetzt. Nicht jedoch ohne in Gänze auf gewisse methodische Modifikationen oder Neukombinationen mit anderen Therapieverfahren zu verzichten (Hennig, 1982).

Literaturverzeichnis

Hennig, H. (1982). Das Katathyme Bilderleben als psychotherapeutisches Imaginationsverfahren – Grundlagen und praktisches Vorgehen. Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie, 34 (12), 738-744.

Hennig, H. (2007c). Der brave Soldat Schwejk, Don Quijote de la Mancha und der Elefant* (Zur Geschichte der Katathym-imaginativen Psychotherapie im Osten Deutschlands). In H. Hennig et al. (Hrsg.), Beziehung und therapeutische Imaginationen. Katathym Imaginative Psychotherape als psychodynamischer Prozess. Ein Leitfaden 
(S. 263-276). Lengerich: Pabst Science Publishers.

Hennig, H. & Fikentscher, E. (2011a). Katathymes Bilderleben. Heinz Hennig und Erdmuthe Fikentscher: Zum Aufbau einer Arbeitsgruppe für Katathymes Bilderleben (KB) und die Verbreitung der Methode. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.312-316)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Hennig, H. & Fikentscher, E. (2011b). Die Etablierung der Arbeitsgruppe für Katathymes Bilderleben in der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie der DDR und der Aufbau eines curricularen Ausbildungssystems sowie der Ausbau internationaler Kontakte. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 529-537). Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Leuner, H. (1985). Lehrbuch des Katathymen Bilderlebens. Grundstufe. Mittelstufe, Oberstufe. Bern. Stuttgart. Toronto.

Leuner, H. (1970). Das katathyme Bilderleben in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie – Zeitschrift für analytische Kinderpsychologie, Psychotherapie und Psychagogik in Praxis und Forschung, 19, 212-223.

Wilke, E. (2017). Geschichte der KIP. In: H. Ullmann, A. Friedrichs-Dachale, W. Bauer-Neustädter, & U. Linke-Stillger. Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP). Kohlhammer Verlag.

Kommunikative Psychotherapie

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Die Kommunikative Psychotherapie wird von einer vierköpfigen Arbeitsgruppe unter der Leitung der Psychiaterin Christa Kohler (1928 – 2004) an der Universitätsklinik in Leipzig entwickelt. Neben Kohler können die ehemalige Physiotherapeutin Anita Kiesel (heute Wilda-Kiesel, *1936), der Musiktherapeut Christoph Schwabe (*1934) und der Psychologe Hermann-Friedrich Böttcher (*1937) als BegründerInnen des Verfahrens benannt werden (Böttcher & Wilda-Kiesel, 2011).

Zeitliche Einordnung

Die psychotherapeutische Arbeit an der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig ist bis zum Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts durch die Schlaftherapie unter Schirmherrschaft des Psychiaters Dietfried Müller-Hegemann geprägt (Geyer, 2011a). Nach Müller-Hegemanns Ausscheiden als Direktor der Klinik stößt Christa Kohler als neue Leiterin konzeptionelle Neuerungen in der psychotherapeutischen Behandlung an. Ab etwa 1965 lässt sie durch eine Arbeitsgruppe bestehend aus Anita Kiesel, Christoph Schwabe und Hermann-Friedrich Böttcher neue Behandlungskonzepte recherchieren und ausarbeiten. Während Kiesel bewegungstherapeutische und Schwabe musiktherapeutische Konzepte erprobt, erarbeitet Böttcher einen gemeinsamen psychologischen Rahmen. In den folgenden Jahren werden von Kohler unterschiedliche Symposien und Tagungen mit psychotherapeutischem Schwerpunkt veranstaltet, um einen Austausch zu diversen Methoden zu ermöglichen. Die unterschiedlichsten therapeutischen Behandlungsformen werden nach und nach aufeinander abgestimmt und in einem gemeinsamen Behandlungskonzept mit dem Namen Kommunikative Psychotherapie vereint (Böttcher & Wilda-Kiesel, 2011). Das Konzept der Kommunikativen Psychotherapie wird 1968 in dem gleichnamigen Buch verschriftlich (Kohler, 1968). 1974 muss Kohler ihre Arbeit krankheitsbedingt niederlegen (Steinmetz, 2014). Die Weiterentwicklung der Kommunikativen Psychotherapie endet damit: Kiesel und Schwabe arbeiten unabhängig voneinander an bewegungs- bzw. musiktherapeutischen Konzepten weiter, während Böttcher seine Arbeit an Klinik Dresden-Weißer Hirsch fortsetzt (Geyer, 2011b; Kiesel, 2011; Schwabe, 2011;).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Die Kommunikative Psychotherapie ist eine Komposition verschiedener Therapieformen im einzel- und gruppentherapeutischen Setting. Verbale und nonverbale Therapieformen, beispielsweise Gesprächs-, Musik- und Bewegungstherapie sowie gestalterische Therapieformen werden jeweils in Form von Einzel- und Gruppenpsychotherapie miteinander kombiniert und abgestimmt. Einzel- und Gruppenpsychotherapie werden als Übungssituationen für verschiedene Interaktionsformen im realen Leben der PatientInnen aufgefasst. Während die Gruppenpsychotherapie Interaktionen in Kollektiven nachbilden soll, soll die Einzelpsychotherapie Zweiersituationen versinnbildlichen. Gruppen- und Einzeltherapie werden dabei insgesamt als gleichwertige Behandlungsmethoden betrachtet und ihre harmonische Wechselwirkung wird angestrebt (Kohler, 1968).

Zur theoretischen Fundierung der Kommunikativen Psychotherapie werden unterschiedlichste psychologische und psychotherapeutische Konzepte aufgegriffen: Die marxistische Sozialpsychologie nach Hans Hiebsch und Manfred Vorwerg sowie die Einstellungspsychologie des georgischen Psychologen Dimitri Usnadse stellen wichtige theoretische Bezüge dar. Auch auf die Gedanken der Palo-Alto-Gruppe zur Kommunikationspsychologie wird zurückgegriffen. Darüber hinaus werden tiefenpsychologische Grundgedanken vertreten (Kohler, 1968; Maaz, 2011).

Literaturverzeichnis

Böttcher, H. F. & Wilda-Kiesel, A. (2011). Von der Schlaftherapieabteilung der Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie zur selbstständigen Abteilung für Psychotherapie und Neurosenforschung an der Universität Leipzig. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 181–186). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

Geyer, M. (2011a). Ostdeutsche Psychotherapiechronik 1950 – 1959. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 90–95). Göttingen: Vandenhoeck &Ruprecht. 

Geyer, M. (Hrsg.). (2011b). Psychotherapie in Ostdeutschland. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

Kohler, Ch. (1968a). Kommunikative Psychotherapie. Jena: Fischer.

König, W. & Geyer, M. (2011). Wiederannährung an die Psychoanalyse in den 1960er Jahren. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 161– 164). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Maaz, H. J. (2011). Zur Geschichte der Psychotherapie in der DDR. European Journal of Mental Health, 6, 213–238. 

Schwabe, Ch. (2011). Die Entwicklung der Musiktherapie zu einem schulenübergreifenden Konzept – Beweggründe, Auseinandersetzungen, Positionierungen. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 316–321). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Steinmetz, M. (2014). Eine Werkbiografie über Christa Kohler (1928-2004): 

Psychotherapeutische und sozialpsychiatrische Forschung und Praxis in der DDR. 

Dissertation, Universität Leipzig.

Wilda-Kiesel, A. (2011). Von der Bewegungstherapie bei funktionellen Störungen und Neurosen zur Kommunikativen Bewegungstherapie und zur konzentrativen Entspannung. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 325– 329). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Pawlow’sche Schlaftherapie

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Der Psychiater Dietfried Müller-Hegemann (1910 – 1989) regt die Einführung der Pawlow‘schen Schlaftherapie in der DDR an. Unter seiner Leitung wird die Klinik für Neurologie und Psychiatrie der Universität Leipzig die Hochburg der Schlaftherapie in der DDR. Neben Müller-Hegemann setzen sich auch die Ärzte Hellmuth Kleinsorge (1920 – 2001) in Jena sowie Rudolf Baumann (1911 – 1988) in Berlin für die Einführung der Pawlow’schen Schlaftherapie an ihren Kliniken ein (Scholtz & Steinberg, 2011).

Zeitliche Einordnung

Die Entwicklung der Schlaftherapie ist eng mit der Doktrin des Pawlowismus in der DDR verknüpft. Bereits 1951 beginnt Müller-Hegemann an der Leipziger Klinik mit der Schlaftherapie zu experimentieren. Erheblichen Aufwind bekommt die Therapieform durch die Pawlow-Tagung im Jahr 1953, wobei die Prinzipien des Pawlowismus als Leitgedanken in der Wissenschaft, Medizin und Psychologie der DDR festgelegt werden (Bernhardt, 2000; Scholtz & Steinberg, 2011). Nach der Pawlow-Tagung eröffnet Müller-Hegemann an der Leipziger Klinik eine psychotherapeutische Abteilung in der Schlaftherapie praktiziert wird. In den folgenden Jahren wird die Methode bei hunderten PatientInnen angewandt und weiterentwickelt. Nachdem 1962 jedoch ein Patient während einer schlaftherapeutischen Behandlung verstirbt und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen einsetzen, häufen sich Konflikte um die Person Müller-Hegemann und um die Schlaftherapie. Müller-Hegemann wird 1963 vom Generalstaatsanwalt der DDR hinsichtlich des Verdachts der Herbeiführung des Todes freigesprochen, verlässt aber 1964 aufgrund zahlreicher Konflikte mit dem Klinikpersonal die Leipziger Klinik (Scholtz & Steinberg, 2011). Christa Kohler übernimmt die Leitung und setzt eine Abkehr von der Schlaftherapie und eine Hinwendung zu neuen psychotherapeutischen Konzepten durch (Böttcher & Wilda-Kiesel, 2011). Obwohl Müller-Hegemann von einigen therapeutischen Erfolgen der Schlaftherapie berichtet, kann sie sich nicht langfristig als Therapiemethode in der DDR etablieren. Ihre Anwendung endet in den frühen 60er Jahren (Geyer, 2011; Scholtz & Steinberg, 2011).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Die Pawlow’sche Schlaftherapie besteht im Wesentlichen aus zwei Bausteinen. Den größten Teil nimmt ein medikamentös induzierter Schlaf ein, der sich während eines Zeitraums von zwei bis sechs Wochen über die allermeisten Stunden des Tages und der Nacht erstreckt. PatientInnen sollen dadurch Ruhe und Erholung finden, sodass Funktionsstörungen reduziert und Lebenseinstellungen modifiziert werden sollen (Müller-Hegemann, 1961; Scholtz & Steinberg, 2011). Der Einsatz der dafür notwendigen Schlafmedikamente ist keinesfalls ungefährlich oder nebenwirkungsfrei, weshalb Müller-Hegemann schon früh auf eine geringe Dosierung der Medikation plädiert (Müller-Hegemann et al., 1953). Dennoch sind Intoxikationen und körperliche Schäden dabei nicht auszuschließen. Die zweite Komponente bilden verschiedene therapeutische Anwendungen im Einzel- oder Gruppensetting, die während der Schlafpausen zum Einsatz kommen. Dabei spielen Musik- und Bewegungstherapie, aber auch Autogenes Training und Hypnose eine Rolle (Müller-Hegemann, 1961; Scholtz & Steinberg, 2011).

Insgesamt stellt Müller-Hegemann seine Schlaftherapie in klaren Kontrast zu tiefenpsychologischen Verfahren und betont, dass PatientInnen durch die Schlaftherapie zu einer „vernunftgemäßen Erkenntnis“ (Müller-Hegemann, 1952) gelangen sollen. Er strebt die Aufklärung und Überwindung von aktuellen Konflikten an und betont die Bedeutung von logischem und klarem Denken (Müller-Hegemann, 1952; Scholtz & Steinberg, 2011). Schlaftherapeutische Ansätze waren in der Medizin schon vor Müller-Hegemanns Arbeit gebräuchlich. So wurde Schlaf als Heilmittel beispielsweise schon vom Arzt Jakob Kläsi zur Behandlung von Schizophrenie angewandt (Kläsi, 1922). Müller-Hegemann greift dies auf und verbindet die schlaftherapeutischen Ideen mit den Lehren Pawlows sowie mit einem marxistisch-leninistischen Menschenbild (Scholtz & Steinberg, 2011).

Literaturverzeichnis

Bernhardt, H. (2000). Mit Sigmund Freud und Iwan Petrowitsch Pawlow im Kalten Krieg. Walter Hollitscher, Alexander Mette und Dietfried Müller-Hegemann in der DDR. In H. Bernhard & R. Lockot (Hrsg.), Mit ohne Freud. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Ostdeutschland (S.172-203). Gießen: Psychosozialverlag.

Böttcher, H. F. & Wilda-Kiesel, A. (2011). Von der Schlaftherapieabteilung der Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie zur selbstständigen Abteilung für Psychotherapie und Neurosenforschung an der Universität Leipzig. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S. 181–186). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

Geyer, M. (2011). Überblick. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.89-90). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kläsi, J. (1922). Über die therapeutische Anwendung der „Dauernarkose” mittels Somnifens bei Schizophrenen. Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie74(1), 557-592.

Müller-Hegemann, D. (1952). Beitrag zu einer rationalen Psychotherapie. Psychiatrie, Neurologie, Medizinische Psychologie4, 274-285.

Müller-Hegemann, D., Baumann, R., Kleinsorge, H. (1953) Diskussionsgrundlagen 

zur Pawlowschen Schlaftherapie. Dtsch Gesundheitswesen 1953; 8: 1532–1533

Müller-Hegemann, D., Baumann, R., & Kleinsorge, H. (1953). Diskussionsgrundlagen zur Pawlowschen Schlaftherapie. Dtsch Gesundheitswesen8, 1532-1533.

Scholtz, D., & Steinberg, H. (2011). Die Theorie und Praxis der Pawlow'schen Schlaftherapie in der DDR. Psychiatrische Praxis38(07), 323-328.

Psychodynamische Einzeltherapie

BegründerInnen/ HauptvertreterInnen in der DDR

Die Psychodynamische Einzeltherapie wird von dem Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz (*1943) unter Einfluss einer Arbeitsgruppe bestehend aus dem Psychiater Harro Wendt (1918 – 2006), seinem Mitarbeiter Infrid Tögel (1927 – 2021) und Helmut Kulawik entwickelt. In der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie der DDR (GÄP) gibt es eine Sektion für Dynamische Einzelpsychotherapie, dessen Vorstand neben den genannten Akteuren auch Gudrun Tscharntke und H. Kerber angehören (Maaz, 2011a).

Zeitliche Einordnung

Psychoanalytisch begründete Verfahren werden vor allem in den frühen Jahren der DDR als bürgerlich oder biologistisch angesehen und deshalb von politischer Seite abgelehnt. Mit der intendierten dynamischen Gruppenpsychotherapie etabliert sich dennoch ein psychodynamisch geprägtes Verfahren in der Psychotherapie-Landschaft der DDR. Es häufen sich daraufhin Bestrebungen, auch im Einzelsetting ein psychodynamisches Verfahren zu etablieren. Der Psychiater Harro Wendt arbeitet im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Uchtspringe schon in den 60er Jahren mit einer Einzeltherapie mit psychodynamischer Orientierung. Diese ist Ausgangspunkt für die Entwicklung und Systematisierung der Psychodynamischen Einzeltherapie in der DDR. 1978 wird eine erste Arbeitsgruppe gegründet, die Konzepte für eine persönlichkeitszentrierte Einzeltherapie entwickelt. Etwa vier Jahre später, 1982, wird eine Sektion für Psychodynamische Einzelpsychotherapie innerhalb der GÄP gegründet. Noch im selben Jahr wird durch Maaz ein systematisches Ausbildungsprogramm für Psychodynamische Einzeltherapie erstellt, was die ersten TeilnehmerInnen 1984 durchlaufen. Kulawik, Maaz, Wendt und Tögel fungieren dabei als Ausbildungsleiter. 1984 erscheint von Kulawik außerdem eine erste einschlägige Publikation, die unter dem Titel „Psychodynamische Kurzzeittherapie“ veröffentlicht wird. Die Ausbildungskurse werden über in den folgenden Jahren und auch über die Wendezeit hinaus fortgeführt und stellen eine wichtige Grundlage für die berufsrechtliche Anerkennung der ostdeutschen PsychotherapeutInnen nach der Wende dar (Maaz, 2011a; Maaz 2011b).

Kurzbeschreibung des Verfahrens

Bei der Psychodynamischen Einzeltherapie handelt es sich um ein tiefenpsychologisch fundiertes Therapieverfahren, was analytisch begründete Techniken wie Übertragung und Gegenübertragung, Deuten und Bearbeiten oder Widerstandsanalysen therapeutisch nutzt, dabei aber vor allem auf den aktuellen Fokalkonflikt eingeht (Maaz, 2011a; Maaz 2011b). Die Beschränkung auf den Fokalkonflikt macht die psychodynamische Einzeltherapie effizienter als klassische psychoanalytische Methoden, da sie weniger Therapiestunden in Anspruch nimmt. Hinsichtlich des Fokalkonflikts wird auf den Psychoanalytiker Thomas M. French Bezug genommen, der die Begrifflichkeit in den 1950er Jahren einführt. Darüber hinaus sind in der Konzeption auch Verweise auf Techniken und Methoden der PsychoanalytikerInnen Michael und Enid Balint zu finden (Kulawik, 1984).

Literaturverzeichnis

Kulawik, H. (1984). Psychodynamische Kurztherapie. Beiträge zur klinischen Neurologie und Psychiatrie, 52.

Maaz, H. J. (2011a). Die Psychodynamische Einzeltherapie. Eine ostdeutsche Entwicklung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. In M. Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland (S.481-483)Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Maaz, H. J. (2011b). Zur Geschichte der Psychotherapie in der DDR. European Journal of Mental Health, 6, 213–238.